Die Industrialisierung nahm den Körper. KI nimmt jetzt den Verstand. Das ist die zentrale Logik im 21. Jahrhundert.

Die Industrialisierung begann als Körperkritik. Sie erklärte Muskelkraft zur teuren, fehleranfälligen Ressource und ersetzte sie durch Maschinen, Takte, Normzeiten. Der Mensch blieb, aber er wurde in den Prozess eingepasst. Das war entwürdigend, zugleich aber eindeutig: Körper sind endlich, Arbeit ist physisch, Produktivität ist messbar.

KI verschiebt jene Kränkung.

Sie stellt nicht mehr nur den Körper infrage, sondern den Geist: Schreiben, Recherchieren, Planen, Codieren, Argumentieren; all das, was lange als «kognitives Eigentum» galt, wird plötzlich reproduzierbar.

Damit brechen grundlegende Übereinkünfte:

  • Dass Bildung automatisch schützt.
  • Dass Intelligenz einen sicheren Beruf erzeugt.
  • Dass Denken das unveräusserliche Alleinstellungsmerkmal bleibt.

Was bleibt also, wenn der Körper industrialisiert ist und der Geist algorithmisiert wird? Übrig bleibt nicht «Kreativität» als Rückzugssphäre, sondern Verantwortlichkeit. KI kann Vorschläge machen, aber sie kann keine Haftung tragen. Sie kann Muster erkennen, aber nicht entscheiden, wofür sie stehen will. Sie kann Sprache imitieren, aber nicht die Konsequenzen besitzen. Der Kern menschlicher Arbeit verschiebt sich von Produktion zu Zurechnung: Wer definiert das Ziel? Wer setzt Grenzen? Wer trägt die Kosten von Irrtümern? Wer entscheidet, wann Effizienz nicht mehr der Massstab ist?

Genau dort liegt die psychologische Polarisierung: Entweder wir nutzen KI als Ausrede, um Urteilskraft zu delegieren – oder wir nutzen sie als Anlass, Urteilskraft zu disziplinieren. Im ersten Fall entsteht eine bequeme Kultur der Entlastung: «Das System hat empfohlen.» Das Resultat sind entkernte Organisationen, in denen niemand mehr wirklich zuständig ist und Fehler nur noch zirkulieren. Im zweiten Fall entsteht eine reifere Kultur: KI wird Rechenleistung, der Mensch bleibt Instanz.

Praxis beginnt daher mit einer Inventur.

Trennen Sie konsequent zwischen Tätigkeiten, bei denen Ihnen die Antwort egal ist, und Tätigkeiten, bei denen Sie als Person dafür gerade stehen müssen. Alles, was Reputation, Ethik, Gesundheit, Sicherheit, Personal, Geldflüsse oder strategische Richtung betrifft, gehört in die zweite Kategorie: KI darf hier beschleunigen, aber nicht entscheiden. Führen Sie für solche Entscheidungen ein kurzes Urteil-Protokoll: Was ist das Ziel, welches Risiko akzeptieren wir, welche Annahme könnte falsch sein, und welches Signal würde uns zwingen, umzusteuern? Das klingt banal, ist aber die schnellste Methode, aus «KI-Nutzung» wieder Verantwortung zu machen.

Und zuletzt: Schützen Sie Aufmerksamkeit wie Kapital. Wer KI ohne mentale Grenze nutzt, bekommt nicht mehr Leistung, sondern mehr Output-Rauschen. Legen Sie feste Denkfenster ohne Prompting fest, und feste Prompt-Fenster mit klarer Fragelogik. KI stellt den Geist infrage – aber sie zwingt uns damit zu etwas Seltenem: den Geist endlich als das zu behandeln, was er ist. Eine knappe, zu steuernde Ressource.

Prof. Dr. Dr. Oliver Hoffmann ist Professor für Innovationsmanagement sowie Experte für Sicherheitsmanagement, digitale Transformation und Wirtschaftspsychologie. Er erforscht, wie technologische Umbrüche – insbesondere durch KI – unser Denken, Entscheiden und Arbeiten verändern. Als Berater und Autor begleitet er Organisationen an der Schnittstelle von Technologie, Psychologie und strategischer Resilienz.

Autor

Prof. Dr. Dr. Oliver Hoffmann

Professor für Innovationsmanagement sowie Experte für Sicherheitsmanagement, digitale Transformation und Wirtschaftspsychologie

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