Interview mit Oliver Zihlmann

Was hat sich im Investigativjournalismus in den letzten 30 Jahren verändert und wie wird sich dieser Beruf in den kommenden 30 Jahren noch weiterentwickeln?

Rein von der Quellenlage erlebte der Investigativjournalismus einen grossen Schub. Einerseits haben wir dank des Öffentlichkeitsgesetzes nun Zugang zu wesentlich mehr Dokumenten aus den Verwaltungen – auch wenn es immer noch zu wenige sind. Andererseits sind heute Dokumente aus den Gerichten oder der Finanzbranche wesentlich einfacher zugänglich. Artikel über Geldwäscherei oder Korruption waren früher fast unmöglich. Heute sind sie machbar. Gleichzeitig betrifft die Krise des Journalismus die Investigation besonders hart. Hier braucht es pro Artikel in der Regel erheblich mehr Aufwand als für Interviews oder Features. Ausserdem hat der Widerstand gegen Enthüllungen durch Anwälte und PR-Firmen stark zu genommen. Beides führt dazu, dass trotz hervorragender Quellenlage, der Investigativjournalismus in er Schweiz zunehmend unter Druck gerät. Dies wird sich in Zukunft noch verstärken. Nur noch grosse Player, wie die öffentlich-rechtlichen oder Grossverlage, werden sich sehr aufwändige Recherchen noch leisten können. Dies wird wohl dazu führen, dass zunehmend dritt finanzierte und spezialisierte Recherche-Büros in diese Bresche springen werden, wie das im Ausland teils schon der Fall ist.

Welchen Gefahren ist ein/e Investigativjournalist*in ausgesetzt?

Der Widerstand von Anwälten und PR-Firmen hat stark zugenommen. Zunehmend drohen auch Slapp-Suits – also überrissene Klagen, die das Ziel haben, die Medien zum Schweigen zu bringen. In Autokratien und selbst in einigen Demokratien kam es in den letzten Jahren ausserdem zu vielen Angriffen auf Journalistinnen und Journalisten.

Inwiefern konkurrieren die Medien heute um die Deutungshoheit gegenüber Social-Media-Kanälen wie TikTok und wie bekämpft man Propaganda und Desinformation aus diesen Kanälen?

Das Problem ist, dass die Schwelle für unseriöse oder falsche Informationen in den sozialen Medien viel zu tief ist. Inzwischen ist dies allerdings den meisten klar, weswegen es für eine Desinformationskampagne oft nicht mehr reicht, einfach X oder TikTok mit Posts zu fluten, die leicht als einseitig oder falsch zu entlarven sind. Entscheidend ist, die Redaktionen der Qualitätsmedien vor der Infiltration zu schützen. Sie sind die Bastionen. Wenn sie fallen, steht der Desinformation Tür und Tor offen.

Oliver Zihlmann

Co-Leiter Recherchedesk, Tamedia

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