Nicolas Mayencourt spricht über digitale Souveränität
Nicolas Mayencourt, Programmdirektor der Swiss Cyber Security Days, spricht über digitale Souveränität, Europas Abhängigkeiten und die unbequemen Wahrheiten der digitalen Zukunft.
Was umfasst digitale Souveränität – und warum ist sie gerade jetzt so drängend?
Digitale Souveränität heisst: Wir behalten die Fernbedienung unserer Zukunft. Und genau diese Fernbedienung rutscht uns gerade aus der Hand.
Wie holt man Bürger, Staat, Wirtschaft und kritische Infrastrukturen an einem Event ab?
Indem man ihnen zeigt, dass Cyberrisiken nicht demokratisch sind. Sie treffen alle – gleichzeitig. Die SCSD sind der Ort, an dem wir gemeinsam lernen, schneller zu schwimmen als die Wellen.
Welche unbequeme Wahrheit über Europas digitale Abhängigkeiten wird unterschätzt?
Dass wir nicht nur Technologie importieren – sondern Weltbilder und Ideologie. Wer die Technologie kontrolliert, kontrolliert die Narrative.
Was passiert, wenn die Schweiz morgen ihre digitale Autonomie verliert?
Wir würden merken, wie abhängig wir wirklich sind – und zwar schneller, als uns lieb ist. Das digitale Licht geht nicht aus, aber jemand anders entscheidet, wie hell es bleibt.
Was ist realistischer: echte Unabhängigkeit oder neue digitale Allianzen?
Unabhängigkeit ist ein Ideal. Allianzen sind die Realität. Entscheidend ist, dass wir Partner haben – nicht Vormunde.
Welche Technologie wird in fünf Jahren der stärkste Hebel sein – und was überrascht uns?
Der stärkste Hebel: KI, die wir nicht nur nutzen, sondern verstehen. Die Überraschung: Wie sehr wir uns an Abhängigkeiten gewöhnt haben, ohne es zu merken.
Sind wir mit der Regulierung zu spät – und was ist irreversibel? Zu spät?
Nein. Aber wir haben definitiv die „Early Bird Phase“ verpasst. Irreversibel sind nur Daten, die wir verschenkt haben.
Welche Machtkonzentration wird unterschätzt?
Wir unterschätzen die Macht der digitalen Gatekeeper – jener wenigen Plattformen, die bestimmen, was wir lesen, sehen und hören, worüber wir sprechen und was wir kaufen.Dr. Cristina Caffarra passt so gut in diese Debatte, weil sie diese Macht nicht nur analysiert – sie seziert sie. Als führende Wettbewerbsökonomin, die seit Jahren an der Schnittstelle von Big Tech, Regulierung und Marktstrukturen arbeitet, zeigt sie präzise, wie tief die Abhängigkeiten reichen und welche Folgen das für Wirtschaft und Gesellschaft hat.
Welche These von Bruno Giussani ist die grösste Polemik?
Seine Forderung nach geistiger Souveränität. Das trifft Europa ins Mark: Technologie kann man kaufen, Selbstachtung und Mut nicht.
Welche gemeinsame Frage würden Sie Dr. Cristina Caffarra, Bruno Giussani und Prof. Dr. Dr. Oliver Hoffmann stellen?
Ich möchte von Dr. Cristina Caffarra, Bruno Giussani und Prof. Dr. Dr. Oliver Hoffmann eine Perspektive hören, die ihre unterschiedlichen Fachgebiete verbindet: Caffarra als Expertin für die Macht digitaler Plattformen, Giussani als Beobachter globaler Technologie- und Gesellschaftstrends und Hoffmann als Wissenschaftler, der erforscht, wie wir Entscheidungen treffen. Von ihnen gemeinsam möchte ich wissen: “Wer kontrolliert in Zukunft unsere Entscheidungen – wir selbst, fremde Nationen oder Maschinen?“
Wenn Sie für einen Tag die volle digitale Souveränität der Schweiz kontrollieren könnten – was würden Sie tun?
Ich würde ein 24 Stunden Moratorium für digitale Abhängigkeiten ausrufen. Nur um zu sehen, wie nervös wir alle werden.
Welche digitale Abhängigkeit haben Sie persönlich – oder welche Fehlannahme begegnet Ihnen am häufigsten?
Meine persönliche Abhängigkeit ist analoger Natur: Maté-Tee. Die häufigste Fehlannahme: „Cybersecurity ist ein IT Problem.“ Nein. Es ist ein Gesellschaftsproblem.
